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Zwischen Abwertung und Selbstzweifel: Wie Coaching Halt gibt
Wenn die Wirtschaft schwächelt und sich aufgrund äußerer Krisen nicht so schnell erholt, werden vermehrt Mitarbeiter entlassen.
Dabei stellt sich die Frage:
- Liegt es wirklich im Interesse von Unternehmen, Mitarbeiter zu zermürben anstatt ihnen selbst zu kündigen?
- Und muss denn wirklich ein Mitarbeiter durch psychische Belastung zur Kündigung gedrängt werden?
In meiner Coaching-Praxis erlebe ich zunehmend Fälle, in denen genau das passiert.
Der Fall „Herr K.“
Da ist eine verdiente Führungskraft, der Herr K. Er ist von den Mitarbeitern hoch anerkannt und hat insofern auch Rückhalt bei ihnen. Tatsächlich sagt er selbst, dass man seine jetzige Aufgabe auch tatsächlich nicht mehr brauche, weil das Geschäft in diesem Geschäftsbereich rückläufig ist.
Er hat bei mir wegen Beratung nachgefragt, weil er schon seit einiger Zeit von seinen Chefs abgewertet wird. Doch anstatt offen und transparent zu kommunizieren, wird ein anderer Weg gewählt.
Ihm wird unterstellt,
- er schreibe schlechte Zahlen,
- verschiedene Aufgaben seien nicht zufriedenstellend bearbeitet worden,
- er habe seine Mannschaft nicht im Griff,
- er müsse mit weniger Mitarbeitern mehr Aufgaben erledigen können, etc.
Das ist nur der sachliche Gehalt des Gesagten. In der Form wird er abgewertet mit Worten wie „unfähig“, „leistungsschwach“, „verdiene sein Geld im Schlaf“, etc.
Der Beginn von Selbstzweifeln
Für einen Menschen mit hohem Verantwortungsgefühl führt das zu einer tiefen Verunsicherung. Herr K. beginnt, an sich selbst zu zweifeln – obwohl seine Leistungen bisher anerkannt waren.
Diese Bewertungen treffen auf einen Mann mit einem hohen Arbeitsethos, der zunächst diese Bewertungen ernst nimmt und sich prüft, ob er seine Performance wirklich so verschlechtert hat, wie von denen dargestellt. Er findet auch den einen oder anderen Punkt, an dem er sich verbessern kann. Dennoch werden beim nächsten Treffen mit seinen Führungskräften die alten Vorwürfe wiederholt oder neue hinzugefügt.
Hinzu kommt, dass er die ganzen Jahre über loyal zum Unternehmen gestanden hat und sich mit ihm identifiziert hat. Das gerät jetzt auch ins Wanken und wirkt sich unmittelbar auf die Motivation nicht nur bzgl. der Arbeit aus.
Die Abwärtsspirale bis zum Burnout beginnt
Die Folge davon ist, dass sich Herr K. in ständiger Unruhe befindet, schlecht schläft, ständiges Gedankenkreisen seine Denkfähigkeit beeinträchtigt, die Denkinhalte einschränkenden Charakter haben und er anfängt, an seinen Fähigkeiten zu zweifeln. Eine Folge davon ist, dass er sich nicht mehr erholen kann, auch der Schlaf nicht mehr erholsam ist, so die Kräfte aufgezehrt werden und als Folge davon die Konzentrationsfähigkeit leidet. So passieren dann kleine Fehler, die in dieser Lage ungünstig sind, weil sie das Thema Unfähigkeit sowohl bei ihm selbst als auch bei seinen Chefs befeuern.
Es ist unschwer zu erkennen, wie hier eine Abwärtsspirale entsteht. Das Ergebnis ist ein Burnout und das hat alle Anzeichen einer Depression, so dass hier nach einer Weile eine mittelgradige depressive Episode diagnostiziert werden muss.
Meine Wahrnehmung als Psychotherapeut bzw. Coach
Von außen besehen ist unschwer zu erkennen, dass der Coachee von seinen Chefs dazu gedrängt werden soll, selbst zu kündigen, ihn zumindest so mürbe zu machen, sodass er am Ende dankbar sein wird, wenn die Chefs ihn mit einer kleinen Abfindung in die Arbeitslosigkeit schicken.
Ich habe dem Coachee geraten, sich rechtlichen Beistand für die jetzige Situation zu verschaffen bzw. sich erst einmal über seine Rechte informieren zu lassen als außertariflicher Mitarbeiter. Wenn es zu Abmahnungen, etc. kommen sollte, dass diese rechtlich bewertet werden können und ggf. etwas dagegen unternommen werden kann. Genauso bei den Verhandlungen über die Abfindung sollte eine Begleitung, ein Externer dabei sein, der emotional in diese Abwärtsspirale nicht involviert ist.
Strategie statt Zufall: Warum Mitarbeiter „mürbe gemacht“ werden
Chefs, die so vorgehen, möchten den Mitarbeiter mürbe machen:
Der Mitarbeiter soll:
- sich schlecht fühlen
- verunsichert werden
- an sich und seinem Selbstwert zweifeln
- emotional erschöpft werden
Ziel ist es, dass er selbst kündigt oder eine ungünstige Aufhebungsvereinbarung akzeptiert.
Dem Mitarbeiter wird sogar nahegelegt, das sei für ihn das Beste. Das stimmt natürlich nicht, das Unternehmen spart sich so einen aufwändigen Kündigungsprozess mit ggf. hohen Abfindungen und weniger rechtlichen Risiken.
Coaching als Stabilisierung in beruflichen Krisen
Neben der rechtlichen Abklärung und Unterstützung braucht es in so einem Prozess psychologische Unterstützung, damit die Betroffenen einigermaßen stabil bleiben und nicht vollkommen in die Krankheit abrutschen. Menschen, die vielleicht ohnehin labil sind, halten die o.g. Abwertungen nicht aus und geraten u.U. in eine tiefe depressive Krise. D.h. auch, das Verhalten der Führungskräfte ist ausgesprochen destabilisierend, was es auch sein soll, und gesundheitsgefährdend. Die Gesundheit ist aber individuell zu verantworten und geht den Arbeitgeber scheinbar nichts an. Durch dieses Vorgehen werden also gesamtgesellschaftliche Mehrkosten verursacht und die Verursacher zahlen die Zeche nicht, sondern Krankenkassen, Arbeitsämter, etc.
Es ginge auch anders!
Es wäre möglich, dass der Arbeitgeber, also die Chefs, mit offen Karten spielt und die Verringerung der Zahl der Mitarbeiter als betriebswirtschaftlich notwendig und nachvollziehbar darstellt und den Mitarbeitern, die entlassen werden sollen, entsprechende Angebote macht, die ihnen den Ausstieg erleichtern.
Wichtig ist hier vor allem, dem Betroffenen Sicherheit in der Krise zu geben – und damit insbesondere die innere Sicherheit zu stärken. Möglichkeiten gibt es viele. Hierzu gehören Beratungsangebote, die von Outsourcing-Firmen zur Verfügung stehen.
In Einzelfällen wäre darüber hinaus noch ein psychologisches Angebot sinnvoll. Der Vorteil so eines Verfahrens wäre, dass die Mitarbeiter unbeschadet aus der Entlassung herauskämen, ohne Beschädigung ihrer Kompetenz und ihres Selbstwerts. Das würde sich auch positiv auf einen Bewerbungsprozess bei einem anderen Unternehmen auswirken. Die gesamtgesellschaftlichen Kosten dieses Verfahrens gingen gegen Null.
Übrigens: Bei Mobbing spielen ähnliche innerpsychische Prozesse eine Rolle wie in unserem obigen Fall. Lesen Sie gerne dazu https://netzwerkstressundtrauma.com/mobbing-und-wie-wir-ihm-begegnen-koennen/.


