Wo Schatten ist, muss auch irgendwo ein Licht sein

In den letzten Wochen haben wir ein spürbares Anwachsen von Druck und Spannung bei vielen unserer Klienten gespürt:

  • Die Angst vor dem Alleinsein nimmt bei allein Lebenden wieder zu.
  • Die wieder zunehmende Ungewissheit zerrt an den Nerven.
  • Die Angst zu sterben, ist bei einigen wieder aufgeblüht.
  • Andere haben Angst vor den politischen Folgen der zunehmenden Einschränkungen.
  • Die Überzeugung, dass die Informationen der Wissenschaft falsch sind, steigt aufgrund der häufig wechselnden und sich teilweise widersprechenden Aussagen.
  • Die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes und damit der finanziellen Absicherung wird größer.
  • Die Kreativität und die Freude am Zusammenleben weicht immer mehr der Frustration, Angst und Hilflosigkeit.
  • Auch die Angst, nicht mehr life in die Psychotherapie kommen zu dürfen und sich auf online-Therapie reduzieren zu müssen, erhöht sich wieder. Bei Patienten mit frühkindlichen Deprivationserfahrungen wirkt „online“ eher wie Gift.
  • Und nicht zuletzt bilden sich die steigenden Infektionszahlen auch bei unserem Klientel ab. der Patienten, die entweder selber infiziert sind oder mit einer infizierten Person Kontakt hatten, wird größer.
Die Folgen für die Gesundheit

Die psychischen Auswirkungen dieses Geschehens werden in der politischen Diskussion mehr oder weniger als Kollateralschaden gesehen. Wir kennen zumindest keine offiziellen Verlautbarungen, die das dahinter stehende psychische und gesundheitliche Risiko auch nur erwähnen, geschweige denn hier nach Lösungen und Entlastungen suchen. Die Aufgabe, diese Auswirkungen der Krise abzufedern und für Entlastung zu sorgen, liegt in erster Linie in den Händen der Psychotherapeuten. Wir nehmen diese Aufgabe gerne an.

Verlust an Orientierung

Hinzukommt, dass viele Rituale und Gewohnheiten, die gerade mit der Weihnachtszeit verbunden sind, in diesem Jahr wohl nicht oder nur eingeschränkt ausgeübt werden dürfen, um das Infektionsrisiko nicht noch weiter anzuheizen. Die Politik tut gerade ihr Bestes, die Verunsicherung der Menschen zu verstärken, indem sie beispielsweise 1 Woche lang über eine Verschärfung der Einschränkungen spricht und eine Entscheidung vor sich herschiebt. Außerdem war der Lockdown light nicht wirklich viel versprechend und die Hoffnungen die daran geknüpft wurden, sind im winterlichen Wetter zerstoben. Das führt dazu, dass wir nur in uns selbst Orientierung und Stabilität finden können, und das fällt Menschen, die sowieso schon labil sind, eher schwer.

Unsicherheit schränkt die psychische Verarbeitung ein

Die Unsicherheit treibt eben auch Blüten vor sich her. Da ist beispielsweise die Angst vor falsch positiven Testergebnissen, die bei manchen dazu führen kann, sich lieber nicht testen zu lassen. Oder Informationen über Verletzungen der Nasenschleimhäute beim Testen machen die Runde und halten Menschen vom Testen ab. Wie häufig das vorgekommen ist, ist uns nicht bekannt. Eher sollte ein Appell daraus folgen, mit entsprechender Vorsicht die Abstriche vorzunehmen, als auf das Testen zu verzichten, wenn leichte Symptome bestehen. In dieser Atmosphäre von Unsicherheit steigt auch die Angst vor den Impfungen und dem unbekannten Risiko von Langzeitfolgen, das tatsächlich im Moment noch nicht bekannt sein kann. Wissenschaftliche Argumente können allerdings die Gefühle von Verunsicherung bei den Menschen nicht beruhigen, denn Unsicherheit ist ein Gefühl, das nur begrenzt auf Rationalität reagiert.

Was kann Psychotherapie tun bei Unsicherheit?

In den Therapien versuchen wir, diese Schatten aufzugreifen, die Gefühle der Menschen ernst zu nehmen und mit dem Grundgefühl der Unsicherheit zu arbeiten, das ja bei uns allen mehr oder weniger gravierende Vorläufer aus unserer Lebensgeschichte zurückgreifen kann. Wenn diese nämlich auch noch mit den aktuellen Anlässen mitfeuern, werden die durch die aktuelle Situation entstehenden Unsicherheiten noch verschärft und sind für die Betroffenen dann nur noch schwer handhabbar.

Wo kann das Licht herkommen?

Nicht zuletzt ist es uns wichtig, nach dem Licht zu schauen, das den Schatten erst ermöglicht. Bei manchen müssen wir erst danach suchen, so sehr ist es versteckt. Bei anderen hilft die Erinnerung an das Licht. Und damit sind wir eigentlich in einer guten christlichen Tradition, die ihrerseits auf heidnische Rituale in der Winterzeit zur Wintersonnenwende zurückgegriffen hat: Das Licht von Betlehem ist das auch das Licht, das die Tage nach der größten Dunkelheit wieder länger werden lässt. Und nicht zuletzt auch das Licht in unseren Herzen, das wir irgendwann erlebt haben und an das wir uns erinnern können. Nie war es vermutlich wichtiger und hilfreicher als jetzt.

Wo Schatten ist, muss auch irgendwo ein Licht sein