Wie geht es den Helfern, den Psychotherapeuten, Ärzten, den Coaches in diesen Zeiten?

Der Bedarf an Unterstützung, Beratung und Psychotherapie ist hoch. Wir haben jede Woche viele neue Anfragen. Natürlich war das auch vor der Krise schon so. In deren Verlauf aber haben die Anfragen zugenommen. Die Palette der Belastungen, mit denen die Menschen zu uns kommen, ist weit gesteckt: Das ganze Spektrum von Haltungen, Meinungen und Einstellungen ist dabei. Auf dem einen Ende des Pols befinden sich Menschen, die Impfgegner für Mörder halten, auf dem anderen Ende die Leugner von Corona und Pandemie. Dazwischen gibt es Menschen, die

  • Angst haben vor einer Infektion, die sich bis zur Panik steigern kann,
  • Angst haben vor finanziellem Ruin entweder durch Kündigung oder durch mangelnde Einkünfte,
  • gestresst sind durch das permanente Home-Office – ihnen fehlt der Kontakt zu den Kollegen, der informelle Austausch („Nach einem Jahr Home-Office kriegst du einen Koller.“),
  • gestresst sind durch Home-Schooling, womöglich noch parallel zu Home-Office,
  • ihre Kinder bei Laune halten und deren Aggression oder Depression auffangen müssen, die infolge der Langeweile und der Orientierungslosigkeit der Kinder und Jugendlichen entstehen,
  • sich einsam fühlen, weil sich Bekannte und Freunde zurückgezogen haben,
  • Kontaktabbrüche zu Freunden erleben, weil sich die Geister an der Pandemie-Frage scheiden,
  • unsicher sind, wie sie ihre Partnerschaft gestalten, weil die permanente Nähe etwas Belastendes oder gar Zerstörerisches hat,
  • sowieso schon eine hohe Lebensunsicherheit mitgebracht haben, die durch die Krise verstärkt wurde,
  • etc.

Diese Reihe ließe sich noch fortsetzen. Es ist manchmal schwierig, dieses weit gespannte Spektrum noch in mir als Psychotherapeut und Coach abbilden zu können. Ich versuche immer, die individuellen Nöte und Besonderheiten zu adressieren, die durch die gegenwärtige Krise besonders brisant werden, stimuliert durch die äußeren Zwänge: Kontaktverbote, Maskentragen, steigende Inzidenzen, schwere Krankheitsverläufe im unmittelbaren Umfeld von Familie und Freundeskreis bis hin zu Todesfällen, bei denen das Abschiednehmen noch zusätzlich erschwert ist. Hinzu kommt mangelnde Abwechslung durch Restaurant-, Kino- oder Theaterbesuche und stattdessen die immer wieder gleichen Runden beim Spazierengehen und immer die gleichen Freizeitaktivitäten, die bei den meisten mit weniger körperlicher Betätigung verbunden sind.

Ich glaube unsere Berufsgruppe war noch nie so stark gefordert, musste noch nie so viel subjektives und objektives Leiden begleiten, so dass Aspekte der Persönlichkeitsentwicklung hinter der Krisenbewältigung zurückstehen müssen. Wichtig ist, dass wir in dieser Zeit stabil bleiben, weil wir gebraucht werden und unseren Klienten da auch ein Vorbild an positiver Verarbeitung sein können – trotz aller Belastungen, die auch wir auszuhalten haben, und aller Ambivalenzen, die es in uns natürlich auch gibt.

Es ist gut, wenn wir stabile Partner- und Freundschaften haben, die uns auch immer wieder auffangen können. Es ist gut, wenn wir uns körperlich ausreichend schützen und unser Immunsystem stärken. Es ist gut, wenn wir genügend Möglichkeiten haben, eigenen Stress abzubauen. Es ist gut, wenn wir genügend Natur um uns und ausreichend Bewegung in ihr haben und es ist sicher gut, in ausreichendem Austausch mit Kollegen zu stehen, um uns gegenseitig zu stärken.

Wie geht es den Helfern, den Psychotherapeuten, Ärzten, den Coaches in diesen Zeiten?
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