Haltung zeigen statt hassen – Teil 3

Ausgelöst durch die derzeitigen Demonstrationen handelt die 3teilige Artikelserie „Haltung zeigen statt hassen“ vom Hass: unserem Erleben damit, den Hintergründen, den Auswirkungen auf die Welt und auf jeden Einzelnen.

Von Martin Carstens

Haltung zeigen statt hassen – Teil 3: Überlegungen und Lösungsansätze

Regulationsmöglichkeiten im Umgang mit Hass oder: Wie können wir dem Hass konstruktiv begegnen?

Was müsste also müsste jemand tun, um aus der Hass- und Rachedynamik auszusteigen und herauszukommen?

Der hassende Mensch müsste erkennen und zugeben, dass er im Unrecht ist, anderen Unrecht angetan hat und er müsste den anderen als ganzen Menschen in seiner Vielfalt sehen und (an-)erkennen. Es gilt die eigene Überidentifizierung mit dem Hass zu verstehen und dass es noch andere unterdrückte und nicht gelebte Gefühlsqualitäten und Bedürfnisse gibt, die nicht mehr wahrgenommen wurden. So können die inneren Freiheitsgrade erweitert werden. Er müsste anerkennen, dass es nicht die eine Wirklichkeit im Sinnen von Wahrheit gibt, sondern unterschiedliche Wirklichkeitskonstruktionen nebeneinander sein dürfen. Dafür ist Dialog unabdingbar.

Oft braucht es in der Beziehung zu anderen nicht zwingend eine Entschuldigung, sondern ein Zugeben der Taten und Handlungen sowie die Verantwortungsübernahme dafür. Doch genau dies scheint für viele Menschen außerhalb ihrer Handlungsmöglichkeiten zu liegen und ein zu großes Sühneopfer zu sein. So bleiben sie weiterhin Gefangene ihrer eigenen Geschichte.

Es gibt in dieser Komplexität keine einfachen Lösungen. Andere Menschen verändern zu wollen, würde bedeuten, mit „umgekehrten Vorzeichen“ genau das Gleiche zu tun. Denn durch missionarischen Eifer im Namen des Guten andere bekehren zu wollen, ist in der Welt seit Jahrhunderten auch viel Unheil entstanden.

Teilnahmslosigkeit

Teilnahmslosigkeit, dieses scheinbar so stille Gefühl ist in Wahrheit das wohl gefährlichste überhaupt. Es ist eine Kombination aus vielen Emotionen. Angst, Desillusionierung, Verunsicherung, Erschöpfung, Verbitterung und entwickelt sich zu um sich greifender Lähmung, Gefühllosigkeit und Abgestumpftheit. (…) Man stumpft ab, zieht sich zurück und ist zu sehr mit seinem eigenen Leben beschäftigt. (…) Wer sich vom zivilgesellschaftlichen Diskurs und vom öffentlichen Raum abwendet, isoliert sich zunehmend, verliert die Verbindung zu anderen und wird teilnahmslos.“

Elif Shafak

Stand Mitte Februar 2024: Mittlerweile sind über 3 Millionen Bürger und Bürgerinnen auf die Straße gegangen und nehmen am gesellschaftlichen Diskurs teil und beziehen Stellung, nehmen also am gesellschaftlichen Diskurs teil.

Zurück zum Ausgangspunkt meiner Überlegungen

Ich lasse mich nicht vereinnahmen, ich will und werde nicht in die Hassspirale einsteigen, ich möchte nicht, dass ich mit mir so umgehe, mich vom Hass anderer anstecken lasse und mich damit selbst vergifte. Sollte ich unmerklich doch in die Hassspirale rutschen, hoffe ich, dass wohlgesonnene Menschen den Dialog suchen, mich damit klar und freundlich konfrontieren und mir widersprechen. Engagiert, und zugleich bei Verstand und bei Sinnen zu bleiben, sind dabei die wichtigsten Herausforderungen.

„Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegen unsere Freiheit und die Möglichkeit, unsere Antwort zu wählen.“

Viktor Frankl

Wahrnehmen und Erkennen unserer eigenen Hassgefühle

Dazu müssen wir lernen unsere eigenen Hassgefühle wahrzunehmen und darüber zu sprechen, der Ursache der Aggression Worte zu geben, die eigene, im doppelten Sinne „unerhörte Geschichte“ dahinter zu entschlüsseln und so aus dem Reiz-Reaktionsmuster auszusteigen.

Die gesellschaftlichen und therapeutischen Herausforderungen bestehen darin, nicht nur bei den Opfern anzusetzen, sondern auch bei den Tätern. Politisch und gesellschaftlich braucht es eine gründliche Ursachenanalyse, Aufklärung und Transparent-Machen, was passiert.

Es muss dargestellt werden, welche Folgen es für die Täter, die Opfer und die Gesellschaft hat. Die Herausforderung besteht darin, die seelische Not der Täter zu verstehen, aber nicht mit den Taten einverstanden zu sein. Wir müssen wieder den ganzen Menschen in seiner Vielfalt wahrnehmen, nicht nur eine isolierte Meinung, die mir nicht passt, die ich verdamme, verachte. Der Ausstieg aus der Vernichtungsfalle würde heißen, anzuerkennen, dass unterschiedliche Meinungen gleichzeitig nebeneinander bestehen können.

Die Vergangenheit abschließen

Individuell gilt es, die Empathiefähigkeit wieder zu entwickeln, den eigenen Resonanzraum zu erweitern, Schwäche, Verletzlichkeit, Angst und Unsicherheit zeigen zu können und dies als Stärke zu sehen. Besonders für Männer ist dies ein großes Thema. Im therapeutischen Kontext heißt das, die Menschen darin zu unterstützen, sich mit ihrer eigenen Biographie auseinanderzusetzen, mit den familiären und gesellschaftlichen Überzeugungen, sich selbst zu verzeihen, also loszulassen, ziehen zu lassen, statt an den Verklammerungen der Vergangenheit zu haften.

Dass die Vergangenheit abgeschlossen ist, merken wir daran, wenn sie nicht mehr in die Gegenwart und in die Zukunft hineinwirkt. Andere Einstellungen, Werte und Gerechtigkeitslogiken anzuerkennen und stehen zu lassen. Dies kann helfen, den kalten Weg des Hasses zu reflektieren und zu verlassen. Das wäre für uns alle auch eine gute Übung in Toleranz, Gelassenheit und Selbstwirksamkeit.

Unsere systemische und beziehungsorientierte Arbeit mit ROMPC – im Coaching und im therapeutischen Kontext – können auf diesem Weg hilfreiche Begleiter und Unterstützer sein.

Reflexionsfragen, die Licht ins Diffuse bringen können:

Will man diese Überlegungen für sich selbst (und für andere) als Grundlage der Reflexion und Erkundung eigener Muster und innerer Landkarten nutzen, dann bieten sich folgende und viele weitere systemische Fragen an: (teils angelehnt an Fragen von Klaus Eidenschink in Konfliktdynamik)

  • Wie kann ich meine individuelle und kollektive Angst in eine positive Kraft verwandeln?
  • Wie kann ich mich engagieren und bei Verstand und bei Sinnen bleiben?
  • Wie beschreibst/erklärst du dir bzw. wie bewerten die unterschiedlichen Beteiligten das Problem?
  • Wie schätzt du auf einer Skala von 1 – 10 deine Möglichkeiten und Fähigkeiten ein, mit der „anderen“ Seite wirklich in einen Austausch zu kommen?
  • Warum ist das eigentlich so und was könnten kleine Schritte sein?
  • Was sind besonders starke Überzeugungen von mir (von dem anderen), die ich auf gar keinen Fall in Frage gestellt sehen möchte?
  • Warum ist das eigentlich so?
  • Woran erkennst du, was wahr ist und was würdest du als Gegenbeweis akzeptieren?
  • Was würde geschehen, wenn ich (der andere) daran Zweifel aufkommen lassen würde?
  • Welche besonders starken Überzeugungen anderer kann ich nicht unwidersprochen stehen lassen und was sind meine eigenen besonders starken Überzeugungen?
  • Was würde geschehen, wenn ich (der andere) den Sinn im vermeintlichen Unsinn suchen würde?
  • Welche inneren Überzeugungen würden mich (den anderen) in starke Konflikte führen, wenn ich ihnen mehr Bedeutung schenken würde?
  • Angenommen, es gäbe eine Studie, die den absoluten Unsinn deiner bisherigen Überzeugungen belegt, wie sehr wärst du bereit, dich erschüttern zu lassen?
  • Worüber kann ich mich endlos aufregen? Was hängt daran für meine innere Stabilität?
  • Welches kleine Kreditangebot würdest du dir von der Gegenseite wünschen? Woran würdest du die Ernsthaftigkeit erkennen?
  • Welches kleine Kreditangebot, glaubst du, erwartet die Gegenseite? Welches könntest du von dir aus machen?

Zum Schluss noch einige entdämonisierte Haltungen und Anregungen von Arist von Schlippe

  • Es geht nicht darum, den anderen zu besiegen, sondern einen inneren Anker zu haben und standfest zu sein, es geht nicht um die Stärke der Faust und den Kampf.
  • Es geht um Präsenz, dem anderen ein Gegenüber zu sein und nicht ums Gewinnen.
  • Es geht darum in eine dialogische Haltung zu kommen, nicht in eine feindliche.
  • „Ich kann niemanden ändern außer mich selbst!“ (Und auch das ist schwer genug).
  • In vielen Konflikten geht der Kampf um die Beziehung. Er geht darum, eine bedrohte Bindungsbeziehung wieder aufzunehmen, nicht um Macht und Kontrolle.
  • Schmiede das Eisen, solange es noch kalt ist (statt heiß): suche konsequent die Deeskalation, ohne in die „Nachgeben-Falle“ zu geraten.

„Was würde die Liebe jetzt tun?“

Ich persönlich werde weiter für Demokratie und Freiheit einstehen, Zivilcourage zeigen, den Dialog suchen, demonstrieren, wenn es notwendig ist, und daraufsetzen, dass gemeinsame Präsenz und Verbundenheit für ein freies Leben hilfreich sind.

Demokratie ist ein Privileg und braucht keine Alternative.

Während ich die letzten Gedanken zusammenschreibe, verbreitet sich in den Nachrichten, dass Alexei Nawalny in einem russischen Straflager gestorben ist. Wurde er ermordet? Wurde sein Tod herbeigeführt oder billigend in Kauf genommen? Es ist erschütternd, mir fehlen die Worte. Wie groß muss die Angst vor dem Dialog und vor freien Menschen sein?


Hier finden Sie Teil 1 der Artikelserie „Haltung zeigen statt hassen“
Hier finden Sie Teil 2 der Artikelserie „Haltung zeigen statt Hassen“

Quellen:

Haltung zeigen statt hassen – Teil 3
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